Inhalt - Arbeitgeber über 50+

Kann man im ICT-Beruf pensioniert werden?

50+ - was nun? die Diskussion (Foto: Colourbox)

Führende Vertreter von Migros, Telecom Liechtenstein und Netcetera äussern sich über die Generation "50+" in der Informatik aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmersicht. In einer XING-Gruppe geht die Diskussion weiter.

Sie machen sich Gedanken zum Thema „Kann man bis zur Pensionierung im ICT-Beruf bleiben?“. Was war die Initialzündung?

Andrej Vckovski, Netcetera (AV): Im Rahmen der Diskussion um den ICT Fachkräftebedarf kommt immer wieder die Frage auf, wieso in der Arbeitslosenstatistik gerade bei den ICT Berufen überproportional viele ältere Personen aufgeführt sind. Insgesamt interessiert mich das Thema, wieso das Vorurteil besteht, dass nur jüngere Arbeitskräfte dem dynamischen Umfeld der ICT gewachsen sind.

Martin Haas, Migros (MH): Ja. Das kann man ganz bestimmt. Ich sehe diesen Themenkreis im Gesamtkontext; wie können wir gut qualifizierte IT-Fachkräfte für unsere Teams gewinnen und da zählen auch die erfahrenen IT-Fachkräfte dazu. Zudem investieren wir mit entsprechenden Aus- und Weiterbildungen ganz gezielt in unsere Mitarbeitenden und sind somit auch an einer langen Nutzung dieser Ausbildungen und der Erfahrung interessiert. In Zahlen sind es über 30% der Mitarbeitenden im Alterssegment 50 plus.

Hanspeter Graf, Telecom Liechtenstein (HPG): Aus meiner Sicht kann es durchaus möglich sein, dass ein ICT-Mitarbeiter bis zur Pensionierung im Beruf bleibt. Wir sind davon überzeugt. Auch heute schon leisten zahlreiche Mitarbeitende, die über einen langjährigen Erfahrungsschatz verfügen, wertvolle Arbeit für das Unternehmen. Sie besitzen hohe Loyalität. Diese Altersgruppe ist auch wichtig, da wir nicht in einem Ballungszentrum sind und das Angebot an qualifizierten Kräften sehr begrenzt ist.

Wie schätzen Sie die Branchenstimmung ein: Sind in der sehr dynamischen ICT speziell viele Arbeitgeber altersscheu?

AV: Ich denke, dass beim Einstellen für die meisten Arbeitgeber das Alter per se keine grosse Rolle spielt. Lohnforderungen und Kompetenzen hingegen schon.

MH: Eine Gesamtbeurteilung möchte ich nicht wagen. Ich könnte mir vorstellen, dass junge IT-Firmen eher in der jüngeren Altersklasse IT-Spezialisten suchen und auch finden. In der Migros IT-Services zeigt die Verteilung etwa folgende Grössenordnungen: 20% der Mitarbeitenden sind unter 35; dann die Hälfte im Alterssegment 35 bis 50 und 30% im Segment 50 plus. Massgebend sind wahrscheinlich auch die Aufgaben einer Informatik-Abteilung: Entwicklung, Betrieb etc.

HPG: Ob die Branche altersscheu ist, möchte ich gar nicht bewerten. Wenn es so wäre, täte sie sich selbst keinen Gefallen. Nur ein Aspekt: Der Kunde mit seinen Anforderungen und Bedürfnissen sollte im Mittelpunkt des Handels einer Unternehmung im ICT-Umfeld stehen. Aufgrund der demographischen Entwicklung steigt die Zahl der älteren Kunden stetig. Diese sogenannten jungen Alten sind heute weitaus fitter in solchen Dingen als noch vor fünf oder zehn Jahren, aber gerade ICT-Mitarbeiter aus der gleichen Generation sind hier sicherlich bei Fragen und in Sachen Wissenstransfer vielfach näher bei dieser Zielgruppe.

In den Kommentarspalten von Online-Medien heisst es oft, die Branche bevorzuge jüngere, billigere Arbeitskräfte. Was halten Sie davon?

AV: Wenn man die Wahl zwischen zwei genau gleich qualifizierten und erfahrenen Personen hat, ist verständlich, dass die günstigere eingestellt wird. Das Problem in der Realität ist, dass man nie vor solch einer Wahl steht. Es gibt immer Unterschiede, und die gilt es zu bewerten. Ist die Erfahrung mehr wert als ein tiefer Einstiegslohn? Ich glaube nicht, dass man solche Fragen allgemein beantworten kann.

MH: Ob teuer oder günstiger scheint mir nicht die richtige Fragestellung zu sein. Man müsste umgekehrt den Wert von gut ausgebildeten und erfahrenen IT-Fachkräften herausstreichen. Zudem denke ich, dass hier die Branche nicht als Ganzes sich so oder anders verhält, sondern abhängig von den Bedürfnissen in der IT-Einheit Fachkräfte gesucht werden.

HPG: Für uns sind nicht das Alter, sondern die Fähigkeiten des Einzelnen für eine zu besetzende Position entscheidend. Dementsprechend trifft dies für uns nicht zu und ist für uns auch nicht nachvollziehbar.

Es wird z.T. gesagt, bei 50+ Informatikern fehlen vielfach die richtigen Diplome. Sind die Quereinsteiger gefährdet, auf dem Abstellgleis zu landen?

AV: Die Gefahr besteht sicher, aber weniger weil die Diplome fehlen, sondern weil seitens Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu wenig in die Weiterbildung investiert wurde. Wenn ein Informatiker sich auf eine Auslauftechnik spezialisiert und keine neuen Kenntnisse erworben hat, wird es schwierig im Wettbewerb mit anderen Fachleuten.

MH: Diese Beobachtung kann so sein, muss aber nicht. Man wird kaum sagen können, dass grundsätzlich bei Informatikern 50+ die Ausbildungsatteste fehlen. Wichtig erscheint mir jedoch, dass man gerade mit zunehmendem Alter die Weiterbildung nicht vernachlässigen darf um erstens im Unternehmen optimal eingesetzt werden zu können und zweitens auch um seinen eigenen Marktwert zu halten oder zu steigern.

HPG: Diplome besagen lediglich, dass der ICT-Mitarbeiter zu einem bestimmten Zeitpunkt eine vorgebende Aufgabe gelöst hat. Diese sind wichtig, damit sichergestellt ist, dass die Basiskenntnisse und -methoden beim ICT-Mitarbeiter vorhanden sind. Entscheidender ist jedoch, dass auch der ICT-Mitarbeiter mit den neusten Fach- und Methodenkompetenzen ausgerüstet ist. Und dazu gehört das Thema „lebenslanges Lernen“ und Weiterentwicklung „on the job“. Beides sind keine Fragen des Alters, sondern des Engagements des ICT-Mitarbeiters.

Diskussion: "Informatiker 50+: was nun?"

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Wirtschaftskreise sagen, Mitarbeiter würden im Alter weniger produktiv und sollten deshalb weniger verdienen: Was halten Sie von der Idee, ab bspw. 15 Jahren Berufserfahrung konsequent auf Lohnerhöhungen zu verzichten?

AV: Ich glaube, dass das nicht pauschal beantwortet werden kann. Gleichzeitig meine ich aber, dass eine automatische Lohnerhöhung mit fortschreitendem Alter keinen Sinn macht und längerfristig auch nicht im Interesse der Arbeitnehmenden ist.

MH: Die Leistungsfähigkeit, die jedoch genauer definiert werden müsste, nimmt im Alter wahrscheinlich ab. Dafür überzeugen Mitarbeitende 50+ mit wertvoller Berufserfahrung. Die Idee, das Gehalt altersbedingt einzufrieren, ist für den Mitarbeitenden sehr unattraktiv und aus meiner Sicht falsch. Lohn soll sich an Leistungskriterien orientieren und nicht am Alter. Auch die Leistungskriterien können sich im Laufe der Berufskarriere ändern und sollten immer wieder überprüft werden.

HPG: Das wäre mir zu pauschal und starr. Es würde einer Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt widersprechen. Grundsätzlich soll der Lohn eines ICT-Mitarbeiters den Anforderungen der Stelle entsprechen, ungesehen des Alters. Erfüllt ein ICT-Mitarbeiter nicht die Anforderungen der Stelle vollumfänglich, ist die Entwicklung bis zum SOLL mit entsprechenden Lohnerhöhungen zu honorieren. Ist das SOLL jedoch erreicht, ist kein „Automatismus“ mehr gegeben. Mindestens eine jährliche Prüfung des Lohnes aufgrund der Teuerung, der Marktlage oder einer Veränderung des Anforderungsprofils muss jedoch gemacht werden. Eine Anpassung kann sich aber gegen unten oder gegen oben ergeben.

Kennen Sie 60jährige Informatiker, die Sie als Vorbild betrachten und was machen diese richtig?

AV: Ich kenne sogar noch viel ältere. Donald Knuth ist 76 und immer noch für viele ein Vorbild, aber natürlich eine Ausnahme. Er ist immer noch neugierig und will das Wesentliche verstehen und nicht nur durch aktuelle Moden geblendet sein. Wenn wir das Gefühl haben, es verändere sich alles so schnell, dann vergessen wir, dass sich die Grundprinzipien der Informatik in den letzten 30 Jahren nicht so fundamental verändert haben.

MH: Wenn ich einen Blick in meine Organisation mache, fällt mir in diesem Alterssegment auf, dass sich diese Informatiker nie als 60jährige fühlen, vielleicht gerade deshalb, weil sie ihre Herausforderungen in der Informatik und ihre eigene Neugier Neues zu lernen jung halten. Zudem haben wir eine bemerkenswert hohe Firmentreue zu verzeichnen. Informatiker die über die Jahre immer mehr von unseren Business-Prozessen und dem Detailhandel verstehen sind vor allem in Projekten sehr wertvoll.

HPG: Selbstverständlich. Auch bei uns im Unternehmen haben wir Kollegen mit dem entsprechenden Erfahrungsschatz. Sie verstehen den Bedarf und das Bedürfnis des Kunden aufgrund ihrer umfassenden Berufstätigkeit und können schnell und gezielt Lösungen aufzeigen.

Was muss ein Informatiker tun, um sich bis zur Pensionierung fit zu halten?

AV: Weiterbilden, weiterbilden und nochmals weiterbilden. Zudem dazu schauen, dass sie oder er nicht auf ein Abstellgleis geschickt wird. Es ist oftmals die vermeintlich einfache Lösung, ältere Kollegen z.B. mit der Wartung von älteren Systemen zu betrauen, denn die kennen das ja und Jüngere wollen Solches nicht mehr lernen. Wie wir aber wissen, leben viele Systeme länger als man meint und der Arbeitgeber tut sich darum keinen Gefallen, Wissensghettos aufzubauen. Auch Informatiker denken manchmal, dass sie sich in einem Wissensgarten schützen können. Das ist ein Irrglaube.

MH: Wie überall im Leben gilt es: lernen, lernen, lernen. Wenn man nichts mehr dazu lernt, bleibt man stehen. Und gerade in der IT ist Stillstand Rückschritt. Der Informatiker, wie ich ihn kenne, ist in hohem Masse neugierig und innovationsfreudig, sonst wäre er nicht Informatiker. Natürlich gibt es auch andere. Die werden höchstwahrscheinlich schon bevor sie 50+ sind die Freude an der IT verloren haben.

HPG: Wichtig ist der bereits erwähnte Wille des „lebenslangen Lernens“. Neben dieser Fachkompetenz gilt es, die Methoden- und Sozialkompetenz kontinuierlich auf- und auszubauen.

Was kann ein Unternehmen tun, um attraktiv zu sein für ältere Informatiker?

AV: Weiterbildung konsequent unterstützen auch wenn es „nur“ um die Arbeitsmarktfähigkeit der Mitarbeitenden geht. Ein Mitarbeitender, der jederzeit einen anderen Job finden könnte, bleibt eher bei einem Unternehmen, der ihn oder sie in der Branche fit hält.

MH: In diesem Zusammenhang unterscheide ich die Neueinstellung von älteren Informatikern von den Informatikern, die sich im Unternehmen entwickelt haben. Letztere unterstützen wir mit Weiterbildungen im Sinne des Unternehmens und ganz bestimmt auch des Mitarbeitenden. So bleibt er aktiv und lernbegierig. 

HPG: Eine Atmosphäre schaffen und leben, wo nicht das Alter, sondern die Leistung und die Fähigkeiten im Vordergrund stehen und dementsprechend bei der Stellenbesetzung agieren. Zudem sollten die passenden Weiterentwicklungsoptionen geboten werden.

Kann die IT-Branche überhaupt auf ältere Informatiker verzichten?

AV: Nein.

MH: Bekanntlich fehlen uns zigtausende IT-Fachkräfte in der Schweiz und das mit steigender Tendenz. Da wäre es nicht sehr weitsichtig ein ganzes Segment einfach auszublenden. Wichtig scheint mir, gerade ältere Informatiker auf Grund ihrer Erfahrung und ihrem spezifischen Können einzusetzen.

HPG: Aus meiner Sicht nicht. Aufgrund der demographischen Entwicklung sehe ich eher ein Generationenarbeitsmodell. Dies würde vereinfacht bedeuten, dass betriebsintern in den Teams mehrere Altersgruppen vertreten sind, die sich gegenseitig herausfordern und fördern.

Interviews: Marcel Gamma/swissICT (eine gekürzte Fassung erschien erstmals am 7.12.2014 im swissICT Magazine 12/2012)

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