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Seitenblick

Wofür ich kein Verständnis habe

87.5 Prozent haben JA gestimmt. 87.5 Prozent der Teilnehmer unserer Umfrage meinen, dass die Schweiz mittelfristig ein bedingungsloses Grundeinkommen braucht. Das hat mich echt verblüfft. Dabei ging es mir in meiner Kolumne nicht primär um diese Initiative – sie hat einfach nur so gut zur Dialektik meiner Kolumne gepasst. Es ging mir darum, dass wir nicht nur zukünftige Produkte und Services, sondern auch eine zukünftige Gesellschaft entwickeln müssen.

87.5 Prozent sind ein sagenhaftes Resultat, wenn man bedenkt, dass eine Mehrheit der Schweiz und insbesondere unsere nationalen Räte, diese Idee als Utopie, als weit weg von der realen Welt, beurteilt. Die Natur des Menschen werde ignoriert, da dieser sich nicht mehr den Härten einer Erwerbsarbeit unterwerfen würden, hätte er ein Grundeinkommen. Sogar als die unsinnigste Vorlage der gesamten Legislatur wird die Initiative ausgezeichnet. Und die NZZ meint, dass das Grundeinkommen dem Menschen seine Freiheit raube.

Ich habe Verständnis für die Menschen, die den Gedanken eines Grundeinkommens im Kontext unserer heutigen Gesellschaft, Wirtschaft und sozialen Systeme ablehnen.

Ich habe deshalb Verständnis dafür, weil die Meinungsbildung im Kontext heutiger, funktionierender Systeme stattfindet, und dabei vergessen wird, dass diese in 20 Jahren keine Gültigkeit mehr haben werden. Die Diskussion um ein Grundeinkommen (oder ein anderes Modell, das den künftigen sozialen Frieden sichert) zielt nicht auf die heutige, sondern auf die zukünftige Gesellschaft.

Keiner der Gegner eines Grundeinkommens hätte vor 20 Jahren gedacht, dass heute 90 Prozent aller Buchhandlungen, Videotheken und Musikläden verschwunden sind, niemand mehr Filme kauft und ernsthaft darüber nachgedacht wird, ob wir in Zukunft noch Banken brauchen und selbst Auto fahren werden.

Ja, ich habe Verständnis für die Argumente gegen die Einführung eines Grundeinkommens im Allgemeinen und der vorliegenden Initiative im Speziellen: Die Finanzierbarkeit ist nicht geklärt, die Staatsquote steigt, die Schweiz kann keinen Alleingang machen und wir wissen nicht, wie sich Menschen verhalten werden, wenn sie nicht mehr arbeiten müssen.

Viel wichtiger aber als die Frage, was Menschen tun werden, wenn sie nicht mehr arbeiten müssen, ist die Frage: Was geschieht mit Menschen, die nicht mehr arbeiten dürfen, weil es für sie keine Arbeit mehr gibt? Und damit auch kein Auskommen. Und damit auch keine Freiheit.

Keinerlei Verständnis habe ich deshalb für diejenigen, die sich nicht ernsthaft bemühen, diese Herausforderungen der Zukunft anzupacken, mit oder ohne (Grund-)Einkommen.

Thomas Flatt ist Präsident swissICT, Unternehmer, Berater und Verwaltungsrat

(Die Kolumne "Seitenblick" erscheint monatlich im swissICT Magazin und muss nicht die Meinung von swissICT wiedergeben. Dieser Text wurde erstmals am 7.3.2016 publiziert)