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Brauchen wir einen digitalen Bundesrat?

Kaum haben die Bundesräte Schneider-Ammann und Leuthard ihren Rücktritt angekündigt, geht die Debatte um geeignete Nachfolger oder Nachfolgerinnen los. Soll es eine Frau oder ein Mann sein, scheint hier vor allen Dingen die Gemüter zu erhitzen. Gleich danach kommt wie immer die Frage nach der regionalen Herkunft – und dann natürlich die Hoffnung der Parteien am linken und rechten Flügel, wie sehr sich dieser Bundesrat der Mitte in gewissen Fragen vielleicht auch mal ein wenig von der Mitte wegbewegen lässt.

Interessanterweise wird wenig über Kompetenzen diskutiert. Sogar in unserer Branche wird danach gefragt, ob der neue Bundesrat nicht vielleicht ein «Digital Native» sein sollte (so nach dem Motto, nur wer als Kleinkind statt dem Bilderbuch ein You­Tube-Video angeschaut hat, kann den Einfluss von Technologie auf unser Leben verstehen). Etwas besser hat mir da die Frage gefallen, ob der neue Bundesrat etwas von Digitalisierung (jeder darf das Wort so interpretieren, wie es ihm gefällt) verstehen sollte. In meiner Rolle als Präsident von swissICT, so werden Sie erwarten, kann es da ja eigentlich nur eine Antwort geben.

Kenntnisse davon, was Technologie in Zukunft möglich macht, ist auf dieser Führungsstufe – unabhängig ob in Politik oder Wirtschaft – eine zwingende Voraussetzung. Daneben kommen aber viele weitere Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen dazu, die ich ebenso stark gewichten würde. Strategieverständnis, analytische Schärfe, finanzielle Führung, Kommunikationsfähigkeit und ein Gefühl für den Umgang mit Menschen als Beispiele. Eben das, was zum Profil eines Topmanagers oder Magistraten gehört.

Neben diesen Fähigkeiten sollten bürgerliche Vertreter sicher liberale Grundsätze vertreten. Hoffentlich gepaart mit einem Verantwortungsgefühl für die gesamte Bevölkerung, die Schweiz und – ein wenig pathetisch – unseren Planeten. Deshalb sollten sie ihre Entscheide im Kontext einer langfristigen Perspektive fällen und Lobbyisten-Druck in stoischer Ruhe standhalten können.

Viel wird in den kommenden Wochen über das Profil der neuen Bundesräte gestritten werden. Was liegt da näher, als dass unsere Branche das Trendthema «Digitalisierung» aufgreift und es zur Kernkompetenz eines Bundesrates hochstilisiert. Dies greift aber viel zu kurz und würde die Vorurteile gegenüber unserer Branche, dass wir eben doch nur die Froschperspektive einnehmen können, weiter zementieren. Das Verständnis für den Einfluss von Technologie auf unsere Gesellschaft muss da sein. Dabei geht es jedoch längst nicht nur um Technik, sondern vor allen Dingen um die mentale Offenheit für Szenarien, die nicht nur die Vergangenheit fortschreiben, sondern Diskontinuitäten als Teil unserer Zukunft akzeptieren.

Ich bin überzeugt, dass es sowohl in der FDP als auch der CVP gute Kandidaten und Kandidatinnen für einen solchen Bundesrat gibt. Und wie überall gilt es auch in diesem Job, dass man gewisse Dinge erst lernen kann, wenn man sie dann macht. Aber nochmals: Alter, Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder was es sonst noch für demografische Parameter bei der Auswahl geben könnte, sind für mich zweitrangig. Ob dies auch für die nominierenden Parteifunktionäre und das Parlament gilt – bezweifle ich.

Ich habe also lieber eine weltoffene Alte als einen eindimensionalen Jungen – selbst wenn diese Dimension das Label «digital» trägt.

Sorry für die analoge Aussage.

Thomas Flatt ist Präsident swissICT, Unternehmer, Berater und Verwaltungsrat

(Kolumne aktualisiert am 11. Oktober 2018)