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Meinungsbildung 2018

Das beste Restaurant in London heisst «The Shed at Dulwich» – dies zumindest sagt die kollektive Intelligenz von Tripadvisor. Ausgebucht auf Wochen, sodass ich leider keinen Tisch in diesem sagenhaften Restaurant erhalten habe. Heute bin ich froh, dass es nicht geklappt hat – die meisten von Ihnen wissen wahrscheinlich wieso.

Weniger bekannt als «The Shed» ist vermutlich die Petrophaga lorioti – zu Deutsch die Steinlaus – ein scheuer Nager der sich von Silikaten ernährt. Berühmtheit unter Medizinern hat die Steinlaus 1983 erlangt, als sie es in das medizinische Wörterbuch Pschyrembel geschafft hat. Wissenschaftlich natürlich völliger Quatsch – aber etwas anderes hat der Namensgeber Loriot, in seiner Grzimek Parodie von 1976, auch nicht behauptet.

Absicht war es aber sehr wohl, als die deutsche Heeresleitung vom eigenen militärischen Versagen im Ersten Weltkrieg ablenken wollte. Das deutsche Heer habe an der Front gesiegt, von der Sozialdemokratie, der Zivilbevölkerung und dem Judentum, aber einen Dolch in den Rücken bekommen. Nationalistische Kreise nutzten die Geschichte um gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vorzugehen. Die Dolchstosslegende ist heute als konstruierte Geschichtsfälschung anerkannt. Noch nicht wirklich als Geschichtsfälschung anerkannt ist die Aussage Amerikas, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge. Es war aber die Grundlage, um den zweiten Golfkrieg zu beginnen und die gesamte Region zu destabilisieren. Massenvernichtungswaffen wurden keine gefunden, und das geliebte Exportprodukt Demokratie ist auch noch nicht geliefert worden.

Gefälschte Nachrichten oder Geschichtslügen gibt es schon seit Generationen –  häufig unbedeutend, manchmal belustigend, immer öfter aber auch mit unglaublicher Kraft unterwegs, können sie den Lauf der  Weltgeschichte beeinflussen. «Fake News», wie die Lügen heute heissen, im Internet und in privaten amerikanischen Fernsehsendern verbreitet, teilweise von ausländischen  Regimen orchestriert, haben zur Wahl des aktuellen amerikanischen Präsidenten geführt.

War es vor wenigen Jahren den totalitären Staaten vorbehalten, ihre falschen Botschaften breit zu streuen, so gelingt dies heute sogar einzelnen Personen. Geschickt und subtil verpackt erreichen die millionenfach geteilten Botschaften schnell den ganzen Erdball – die im Anschluss folgende Richtigstellung häufig nicht.
Aus diesem Grund lese ich nicht täglich Twitter oder Facebook, sondern höre in aller Ruhe «Heute Morgen» bei Radio DRS – ich meine natürlich SRF 1 – und am Abend «Echo der Zeit». Bin ich morgens etwas später noch im Auto unterwegs, erfreue ich mich dann an geistreichen Morgengeschichten oder auch Konsumenteninformation.

Wieso ich SRF höre? Ganz einfach, ich vertraue ihm und die Qualität ist in der Schweizer Medienlandschaft unerreicht. Die Beiträge sind sorgfältig recherchiert und geben einen differenzierten Zugang zum Thema. Dass ich dann noch Roger Federer am US Open oder die Schweizer Fussballnationalmannschaft im Fernsehen schauen darf, ohne von privaten Anbietern weitere Abos (und ich habe einige davon) zu kaufen, finde ich auch cool. Ich hoffe, es liegt nicht nur an meinem Alter, dass mir auch die Musik bei Radio SRF gefällt.

Ich verstehe, wenn argumentiert wird, dass wir keine Endemol-Quizshows im Schweizer Fernsehen brauchen. Auch weiss ich, dass wir Formel 1 auch bei RTL schauen können. Sendungen wie «Der Bestatter» sind für mich aber Kulturgut, genauso wie Samschtig-Jass oder die Arena. Ob unsere Radio- und Fernsehgebühren zu hoch sind, weiss ich nicht. Deshalb aber eine Institution wie das Schweizer Radio und Fernsehen zu riskieren, finde ich schlicht fahrlässig.

No Billag – NEIN DANKE!  

 

Thomas Flatt ist Präsident swissICT, Unternehmer, Berater und Verwaltungsrat

(Diese Kolumne "Seitenblick" erschien erstmals im swissICT Mitgliedermagazin Ausgabe 01/2018 und muss nicht die Meinung von swissICT wiedergeben.)