Inhalt - 5 Fragen an Chris Matts

6 Fragen an Chris Matts

Der Keynote Speaker der Lean, Aglie & Scrum Conference 2016 ärgert sich über Manager, für die nur der Stundensatz zählt, und freut sich auf lebensechte VR-Meetings.  

Warum sind Sie in der IT-Branche tätig?
Ich sehe mich nicht als Teil der IT-Branche. IT wird heutzutage von praktisch jedem genutzt. Ein Klempner, Fliesenleger oder Tischler versteht mehr von Informatik als ich zu Beginn meiner Karriere als Programmierer. Und von den Menschen, die in der IT arbeiten, ist nur noch ein Bruchteil Programmierer. Die meisten verwalten Menschen, Risiken oder soziale Interaktionen.

Was gefällt Ihnen am meisten an IT?
Die unendlich vielen Möglichkeiten und die Kreativität, die sie in der Gesellschaft freisetzt. Sie kann Menschen zusammenbringen und es Einzelnen oder kleinen Gruppen ermöglichen, ihren Platz in globalen Gemeinschaften zu finden. Die Technologie verändert die Art und Weise, wie sich unser Zusammenleben entwickelt, grundlegend. Die Gesellschaft und die Staaten werden schon bald ganz anders miteinander interagieren.

Was ist das grösste Ärgernis?
Dass jeder davon ausgeht, ich können seinen Laptop, sein Handy oder das Facebook-Konto wieder in Ordnung bringen nur, weil ich einen IT-Beruf habe. ;-)

Was sind für Sie die grössten Herausforderungen in der IT?
Die derzeit grösste Herausforderung ist der Druck des Senior Management, immer möglichst günstige Mitarbeitende anzustellen. Das ist, wie wenn sich ein Restaurant einen Sterne-Koch leistet, aber dann von ihm verlangt, dass er mit verrotteten Tomaten kocht. Ich arbeitete einmal mit einem grossen Team von achtzehn Entwickler, das erstklassige Software lieferte. Der Senior Manager bestand dann darauf, dass wir den durchschnittlichen Stundensatz reduzieren und dafür die Entwicklung nach Osteuropa auslagern. Ein Jahr später schrieben meine 18 Mitarbeitenden dann nur noch Spezifikationen für siebzig Off-Shore-Entwickler. Die Produktivität brach ein, die Kosten stiegen, aber der Manager war glücklich, weil der durchschnittliche Stundensatz niedriger war. Wahrscheinlich ist er dafür befördert worden. Ich jedenfalls war schnell weg.
 
Wie sähe Ihre ideale Projektwelt aus?
Ich glaube nicht an die ideale Welt. Das Beste, das ich mir vorstellen kann, ist eine Organisation, in der sich das Management dem Kontext bewusst ist, in dem es arbeitet. Es muss eine Kultur und Strukturen schaffen, mit denen Mehrwert für die Kunden und für die Mitarbeitenden erzielt werden kann. Meine Erfahrung ist aber, dass je höher Menschen in einer Organisation aufsteigen, umso weniger lernen sie und umso mehr lehren sie nur noch. Diesen Trend müssen wir umkehren. Manager müssen Verantwortung übernehmen und Risiko tragen. Sie dürfen aber nicht meinen, dass sie die Menschen und die Prozesse besitzen.

Wie wird sich die Projektrealität in den Unternehmen in zehn Jahren präsentieren?
In zehn Jahren werden wir auf der einen Seite Virtual Reality mit Haptik und bewegungsempfindlichen Schnittstellen haben. Das macht lebensechte Meeting zwischen Menschen auf der ganzen Welt möglich. Dadurch werden unter anderem einige in Asien und Australien anfangen, vollständig in der Nacht zu leben, damit sie zur gleichen Zeit wie ihre Arbeitskollegen in Europa oder Amerika wach sein können. Auf der anderen Seite werden wir realisieren, dass das Bauen von Software viel mehr ein soziales Phänomen ist als ein Prozess. Dadurch werden wir wieder mehr physisch zusammenkommen und mit Haftnotizen an Wänden planen. Wir werden dabei kleine Stücke bauen, die zusammenpassen, und nicht mehr versuchen, das grosse Dinge zu erschaffen. Die Technologie wird uns vor allem helfen, unsere Erfahrungen zu verbessern, statt nur zu automatisieren und Prozesse zu fahren. Im grossen Ganzen wird es aber wohl ähnlich sein wie heute, nur dass sich dann jeder über Jira beschweren wird und nicht mehr über Microsoft Project.

Chris Matts ist ein Agile Transformation Coach mit Fokus auf das Product and Delivery Management. Sein Interessenschwerpunkt liegt auf dem Risikomanagement von IT-Investitionen. Er hat fast zwei Jahrzehnte lang Risikomanagement- und Handelssysteme für Investmentbanken aufgebaut. Matts ist Co-Autor von „Commitment“, einem Comic-Roman über Optionen und das Management der Risiken in Projekten.